Ötztal Tourismus, Fotograf Jürgen SkarwanÖtztaler Radmarathon 2026 – Strecke, Pacing-Strategien & Training-Tipps
Alles über Streckenprofil, Leistungsanforderungen und Renntaktik für dein erfolgreiches Finish beim Ötztaler.
Der Ötztaler Radmarathon gilt als einer der härtesten Jedermann-Radmarathons Europas. Mit 227 Kilometern und über 5.500 Höhenmetern verlangt das Rennen nicht nur enorme Ausdauer, sondern vor allem eine intelligente Pacing-Strategie und strukturierte Vorbereitung.
Als Coach gibt es kaum ein Rennen, das ich so häufig in der Vorbereitung meiner Athletinnen und Athleten als Zielwettkampf habe, wie den Ötztaler. Daher möchte ich dir im Folgenden meine gesammelten Erfahrungen über die Strecke, Training, Pacing und Vorbereitung für deinen erfolgreichen Ötztaler 2026 weitergeben.
Ötztaler Radmarathon Strecke – Profil, Pässe & Höhenmeter

Das offizielle Höhenprofil: 227km und 5500hm mit vier bekannten Alpenpässen.
Teil 1: Sölden bis Oetz
Nach dem Start geht es zunächst ca. 31km weitestgehend bergab bis nach Oetz, wo später der erste Anstieg zum Kühtai beginnt. Hier ist es wichtig, Energie für die folgenden Anstiege zu sparen. Daher sollte man möglichst viel in der Gruppe im Windschatten fahren und die Durchschnittsleistung möglichst niedrig halten, auch Antritte über der Schwelle (FTP) sollten vermieden werden. Auch sollte man hier schon beginnen sich für die kommenden Kilometer zu verpflegen.
Teil 2: Kühtai
Das Kühtai ist der erste von vier Anstiegen und mit 17,5km Länge und durchschnittlich ca. 7% Steigung ein erster Test, wie sich die Beine heute anfühlen. Der Anstieg lässt sich dabei in drei Abschnitte unterteilen: Der erste 8km lange Teil bis kurz vor Ochsengarten hat ca. 8,3% Durchschnittssteigung. Danach folgen ca. 3 flacherer Kilometer mit ca. 4,1% Steigung im Schnitt. Die letzten 6,5km sind ungleichmäßiger als der erste Teil und haben im Schnitt ca. 6,4% Steigung, wobei es hier anfangs auch einige steile Abschnitte mit bis zu 15% Steigung gibt.
Teil 3: Abfahrt vom Kühtai nach Kematen
Die Abfahrt vom Kühtai ist technisch wenig anspruchsvoll und verläuft größtenteils gerade ohne enge Kurven. Deswegen werden hier oft auch extrem hohe Geschwindigkeiten von über 100km/h erreicht. In der Abfahrt sollte man eine möglichst aerodynamische Position einnehmen, um Energie zu sparen.
Teil 4: Brennerpass
Der längste, aber moderateste Anstieg mit über 35km Länge und ca. 2% Steigung. Hier entscheidet die Gruppe, wie schnell man fährt. Je nach Gruppengröße empfiehlt es sich hier möglichst viel Windschatten zu fahren. Auch ist hier wieder genug Zeit zum Verpflegen. Im oberen Teil des Brenners gibt es einige kurze, aber steile Rampen. Hier sollte man möglichst wenig über der Schwelle fahren und nur so wenig Leistung aufbringen, wie nötig, um die Gruppe nicht zu verlieren. Es ist wichtig, hier nicht zu überziehen.
Teil 5: Brenner bis Sterzing
Die Abfahrt vom Brenner ist ähnlich wie die Auffahrt recht flach. Hier ist es wieder wichtig in der Gruppe zu bleiben und möglichst viel Windschatten zu fahren.
Teil 6: Jaufenpass
Der Hauptteil des Jaufenpass ist ca. 15km lang und hat konstante 7,5% Steigung. Hier entscheidet sich, ob man seine Zielzeit erreichen kann oder nicht. Auch zeigt sich, wie gut die Verpflegung und die Pacing-Strategie bisher funktioniert haben. Auch wenn der Anstieg alleine schon Herausforderung genug ist, sollte man hier noch Energie für das kommende Timmelsjoch sparen. Dieses ist nämlich fast doppelt so lang.
Teil 7: Abfahrt vom Jaufenpass nach St. Leonhard
Die Abfahrt vom Jaufenpass ist technisch anspruchsvoll mit vielen engen Kurven. Hier kann man gute Fahrtechnik beweisen und Zeit gut machen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass man schon viel geleistet hat und entsprechend müde ist. Daher ist Vorsicht geboten, um nicht zu stürzen oder sich zu verletzen. Auch muss man hier nochmal Verpflegung zu sich nehmen, um die Energiespeicher für die letzten harten Kilometer aufzufüllen.
Teil 8: Timmelsjoch
Auf die Abfahrt nach St. Leonhard folgt direkt der finale und zeitmäßig längste Anstieg des Ötztalers. Er entscheidet über Zielzeit und Rennerfolg. Insgesamt ist er ca. 29km lang und hat ca. 6,2% Durchschnittssteigung. Auch hier gibt es im mittleren Teil des Anstiegs ein ca. 4km langes Flachstück mit unter 2% Steigung. Danach folgen die letzten knapp 10km mit 7,5% Steigung im Schnitt. Hier wird jeder leiden. Hinzu kommt noch die Höhe von bis zu 2474m. Damit ist das Timmelsjoch auch der höchste Anstieg des Rennens. Auf über 2000m Höhe sinkt die Sauerstoffsättigung im Blut deutlich, wodurch man ca. 8% Leistungsverlust einrechnen muss.
Teil 9: Spitze Timmelsjoch bis Sölden
Der letzte Abschnitt des Ötztalers ist eine 20km lange Abfahrt zurück nach Sölden. Jetzt heißt es nur noch die bisherige Leistung nach Hause zu bringen. Die Abfahrt ist gerade im oberen Teil anspruchsvoll und ohne Schutzplanken an den Seiten der Straße sollte man hier besonders aufmerksam fahren. Zudem gibt es in der Abfahrt nochmal eine kleine ca. 1km lange Gegenrampe, wo man seine letzten Kräfte nochmal mobilisieren kann. Gegen Ende der Abfahrt wird die Strecke nochmal flacher und man sollte hier nochmal eine aerodynamische Position einnehmen und die letzten Energiereserven ausschöpfen. Im besten Fall fährt man nicht ganz alleine.
Optimale Pacing-Strategie für den Ötztaler Radmarathon
Welche Zeit ist realistisch? Leistungsklassen und Zielzeiten
| Schwellen- leistungSchwellenleistung | Norm. LeistungNormalisierte Leistung | Zielzeit |
|---|---|---|
| 2,5 – 3 W/kg | 1,8 – 2,2 W/kg | 12h – 14h (Zeitlimit) |
| 3 – 3,5 W/kg | 2,2 – 2,5 W/kg | Sub-12 Stunden |
| 3,5 – 4 W/kg | 2,5 – 2,9 W/kg | Sub-10 Stunden |
| 4 – 4,5 W/kg | 2,9 – 3,3 W/kg | Sub-9 Stunden |
| 4,5 – 5 W/kg | 3,3 – 3,6 W/kg | Sub-8 Stunden |
| 5 – 5,5 W/kg | 3,6 – 4 W/kg | unter 7h30 |
Warum ist Pacing so wichtig für den Ötztaler?
Der Ötztaler Radmarathon ist mit ca. 10 Stunden durchschnittlicher Dauer eines der längsten Radmarathons Europas. Dementsprechend ist es besonders wichtig, eine konkrete Pacing-Strategie zu verfolgen. Ansonsten droht ein Einbruch in der zweiten Rennhälfte, wodurch das Rennen weniger Spaß macht und die Zielzeit deutlich schlechter ausfällt als geplant.
Leistungsanforderungen der vier Alpenpässe des Ötztalers
Richtwerte für die 4 Schlüsselabschnitte
Die meisten Fahrer bewegen sich insgesamt bei einem Intensitätsfaktor (IF) von ca. 0,7 – 0,8, also 70-80% der Schwellenleistung stehen am Ende als normalisierte Leistung da.
Entscheidend ist, dass du an den Anstiegen nicht „überziehst“ und die Intensität über den Tag kontrollierst. Die Tabelle hilft dir, die Zielbereiche pro Anstieg schnell zu erfassen.
| Anstieg | Länge | Ø Steig.Ø Steigung | Zielbereich | Dauer (75kg, 300W FTP)geschätzte Dauer (Beispielfahrer mit 75kg & 300W FTP) |
|---|---|---|---|---|
| Kühtai | 17,5 km | ~7% | 78–85% | ~1h 20m |
| Brenner | 35 km | ~2% | 65–75% | ~1h 25m |
| Jaufen | 15 km | ~7,5% | 78–85% | ~1h 10m |
| Timmelsj.Timmelsjoch | 29 km | ~6,2% | 70–78% | ~2h 5m |
Hinweise
*Fahrer mit niedrigerer Leistungsfähigkeit sollten sich tendenziell eher an den unteren Werten orientieren, da sie die Intensität länger halten müssen. Sehr leistungsfähige Fahrer können je nach Tagesform etwas höher ansetzen.
Am Kühtai, Jaufenpass und Timmelsjoch kann der erste Teil oft ca. 5% intensiver gefahren werden als der zweite Teil, da dieser in der Höhe liegt – trotzdem: gleichmäßig bleiben schlägt „zu hart starten“.
Ernährung & Energieversorgung
Verpflegung als Schlüssel zum Erfolg
Gute Verpflegung verhindert Einbrüche – und macht die zweite Rennhälfte deutlich angenehmer.
Eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr während des Rennens ist entscheidend, um Leistungseinbrüche zu vermeiden. Je besser du dich verpflegen kannst, desto schneller wirst du am Ende fahren können und umso mehr Spaß wirst du haben.
Plane die Verpflegung im Vorhinein: Wo bekommst du Nachschub? Wie viel Gramm pro Stunde ist realistisch? Und wie organisierst du Flaschen/Gels über den Streckenverlauf?
- Strategie festlegen (g/h Kohlenhydrate, Flüssigkeit, Salz)
- Produkte im Training testen (Magenverträglichkeit, Handhabung)
- In langen und intensiven Einheiten gezielt „train the gut“
Unten findest du einen Rechner, um die individuelle Kohlenhydrat-, Salz- und Flüssigkeitszufuhr für deinen Ötztaler zu berechnen. Wichtig: Die Strategie muss im Training erprobt werden.
Verpflegungsrechner
Kohlenhydrate: —
Flüssigkeit: nicht angegeben
Salz: nicht angegeben
Trainingsplanung & Vorbereitung für den Ötztaler Radmarathon
1) Saisonplanung & Makroperiodisierung
Früh planen, Belastung steuern, und rechtzeitig spezifisch werden.
Der Ötztaler findet jedes Jahr am letzten Sonntag im August statt. Eine gute Saisonplanung hilft dir, über Monate konstant zu trainieren – ohne dich zu überlasten.
Ich empfehle zeitig mit dem Training zu beginnen und die Vorbereitung wie folgt einzuteilen:
1. Grundlagenphase (November/Dezember bis März/April)
- Konstanz als oberstes Ziel (min. 3 – 4 Einheiten/Woche)
- Viel lockeres Grundlagentraining: ca. 55–75% FTP
- 1x pro Woche gezielt intensiv (VO2max-Impuls)
2. Aufbauphase (April/Mai bis Mitte Juni)
- Schwachstellen gezielt bearbeiten, z.B. VLAmax senken oder VO2max steigern
- 2 – 3 intensivere Einheiten/Woche sind möglich (individuell)
- Erholung aktiv einplanen (sonst verpufft der Reiz)
3. Spezifische Vorbereitung (Mitte Juni bis Mitte Aug)
- Viel Zeit im Renntempo („Race Pace“) (ca. 75–85% FTP) und leicht unterhalb der FTP
- Lange Einheiten + Verpflegung/Setup testen
- je nach Athletentyp mindestens alle 10 Tage ein VO2max-Erhaltungsreiz
4. Tapering (letzte 2 Wochen)
- Volumen auf ca. 60 – 80% der Trainingszeit in den vier Vorwochen reduzieren
- Intensität beibehalten, aber weniger Gesamtstress
- am Vortag empfiehlt sich eine kurze Vorbelastung zur Aktivierung
2) Schlüsselparameter fürs Rennen
Vier Stellschrauben, die du im Training gezielt beeinflussen kannst.
Für den Ötztaler sind vor allem VO2max, FTP, VLAmax und Ermüdungsresistenz (Fatigue Resistance) relevant. Hier die Kurzfassung, wie du sie in der Praxis adressierst:
VO2max
Maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper aufnehmen und verwenden kann – wichtig als „obere Grenze“ der Leistungsfähigkeit.
- Lange, niedrigintensive Einheiten mit viel Energie- und Sauerstoffumsatz
- Gezielt HIIT und IE (z.B. 4-6 Wiederholungen von 3–6min Intervallen oder 30/30er, 40/20er, 30/15er)
- Ziel: ca. 15 – 30min intensive Zeit oberhalb der FTP pro Einheit
FTP
Schwelle: ca. 1h-Leistung – zentral für die langen Alpenanstiege.
- Viel Zeit knapp unter FTP (z.B. 4×12min @ 88–94%)
- Progression: ca. 35min → bis 90min Zeit im Bereich pro Einheit
- Pausen eher kurz (2:1 bis 4:1 Verhältnis aus Belastung zu Pause)
VLAmax
Laktatbildungsrate – je niedriger, desto „ausdauernder“.
- Konstantes, überwiegend niedrigintensives Training
- Sehr harte, kurze Belastungen eher sparsam einsetzen
- Kraftausdauer: niedrige Kadenz (z.B. 55 – 65rpm) in Intervallen unterhalb der FTP (85%-95%) oder in hochintensiven Intervallen (z.B. 4x5min HIIT)
Ermüdungsresistenz
Hohe Leistung trotz Vorermüdung – entscheidend für die zweite Rennhälfte.
- Regelmäßig lange Einheiten (Belastungsdauer trainieren)
- Intervalle auch mal am Ende langer Ausfahrten einbauen
- Verpflegung in diesen Einheiten konsequent mit üben
3) Lange Einheiten, Abfahrten & Verpflegung
Die „Praxisbausteine“, die am Renntag am meisten spürbar sind.
Lange Trainingseinheiten
Der Ötztaler ist ein langes Rennen – lange Einheiten sind daher Pflicht. In der akuten Vorbereitungsphase (ca. 2 – 3 Monate vorher) sind mindestens alle 2 Wochen 4 – 8h sinnvoll. Starte sehr locker (ca. 50 – 65% FTP) und steigere die Dauer schrittweise. Für fortgeschrittene Fahrer können hier auch Intervalle unterhalb der FTP (z.B. 4x45min Renntempo) eingebaut werden.
Abfahrten kennen & Technik üben
Schnelles und sicheres Abfahren spart Zeit – und reduziert Risiko. Da eine persönliche Streckenbesichtigung für die meisten nicht möglich ist, helfen Videos (z.B. auf YouTube) oder Google Streetview, um Linienwahl und Schlüsselstellen zu kennen. Im Training lohnt es sich, Abfahrten auch mal etwas zügiger zu fahren – besonders nach Belastung, um Konzentration unter Ermüdung zu schulen.
Tipp: Bei HIIT am Berg ("Hill Reps") kann man gezielt üben Abfahrten im ermüdeten Zustand sicher und konzentriert zu fahren.
Verpflegung üben: „Train the gut“
Neben dem Trainingszustand ist die Kohlenhydrataufnahme der größte Hebel für deine Zielzeit. Teste die Wettkampfmenge im Training (und ggf. leicht darüber), insbesondere in langen und intensiven Einheiten.
- Produkte/Mengen wie im Rennen verwenden (Magenverträglichkeit testen)
- Steigere schrittweise, z.B. Start bei 60 - 90g/h und jede Woche bei spezifischen Einheiten 5 – 10 g/h mehr
- Wenn es zu Problemen kommt: reduzieren und Verpflegungsstrategie fürs Rennen entsprechend anpassen
FAQ: Ötztaler Radmarathon – häufige Fragen
Kurze Antworten auf die meistgesuchten Fragen zu Strecke, Training, Pacing und Verpflegung.